Wissenschaftler helfen Analphabeten Drucken E-Mail
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buchstaben_abcMagdeburg (dpa) - Ihren Namen können sie schreiben. Das ist mühevoll antrainiert. An Wörtern wie «Haus» oder «Maus» scheitern sie zumeist, sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen.

Mit viel Kraft lavieren sie sich durch den Alltag. Bundesweit rund vier Millionen funktionale Analphabeten wollen niemanden merken lassen, dass sie nicht können, was scheinbar alle anderen selbstverständlich ständig tun: Lesen und Schreiben. Neuropsychologen der Universität Magdeburg machten sich vor zwei Jahren daran, ein Programm für Analphabeten zu erarbeiten. Inzwischen haben sie erste Erfolge zu verzeichnen, aber es erfüllten sich nicht alle Hoffnungen.

Was passierte? Rund 20 Analphabeten haben sieben Monate lang den Kurs in Osnabrück absolviert. Montags bis freitags wurden sie in drei Blöcken unterrichtet. Sie bekamen Unterricht im Lesen und Schreiben, es folgten Kochen, Sport oder Bewerbungstraining sowie Ausflüge und als drittes ein Training am Computer. Das Programm basiert auf der Annahme von Projektleiter Jascha Rüsseler, dass Analphabetismus nicht nur aus sozialen Gründen entsteht, etwa weil Kinder in der Schule oft gefehlt haben, sondern dass auch mangelnde Wahrnehmungsfähigkeiten wie die schlechte Unterscheidung ähnlicher Laute wie «ba» und «da» eine Rolle spielen. Das ist bei Legasthenikern so, die Forscher vermuteten Parallelen und trainierten an dieser Stelle besonders.

Vor und nach dem Kurs ermittelten sie die Lese- und Rechtschreibfähigkeiten der Teilnehmer zwischen 27 und 58 Jahren. Das Ergebnis: Vor dem Kurs waren sie auf dem Niveau eines Grundschülers im ersten Halbjahr der ersten Klasse. Sie konnten so gut wie kein einziges Wort richtig schreiben. «Danach waren sie auf dem Level Ende des zweiten Schuljahres», erklärt Rüsseler. Dass die Analphabeten das Grundschulpensum von eineinhalb Jahren in sieben Monaten geschafft haben, liegt dem Psychologen zufolge an der Kombination der Methoden.

Dennoch: Die Forscher hatten auf mehr gehofft, etwa das Niveau der vierten Klasse. «Uns war nicht klar, dass die Teilnehmer nicht nur nicht lesen und schreiben können, sondern dass sie teilweise auch Alkoholprobleme haben oder Probleme damit, pünktlich irgendwo hinzukommen», sagt Rüsseler rückblickend. Keiner der Wissenschaftler hatte vor dem Projekt von Universität Magdeburg, Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft und einem Unternehmen praktische Erfahrungen mit Analphabeten.

Wenn auch nicht so viel wie ursprünglich erhofft, hat der Kurs doch vielen Teilnehmern praktische Hilfe mit dem schambesetzten Thema Analphabetismus gebracht. Einige können nun Formulare ausfüllen. «Ein Teilnehmer sagte, nun könne er endlich seine Post lesen, zwar langsam, aber doch selbstständig», sagt Projektmitarbeiterin Melanie Boltzmann. Vorher seien die Briefe ungeöffnet weggelegt worden. Vier andere Teilnehmer machten in der Zeit ihren Gabelstapler-Schein, der auch einen schriftlichen Test erfordert.

Der Bundesverband Alphabetisierung, der sich bemüht, Menschen zum Lesen- und Schreibenlernen zu bewegen, hält es für sicher, dass alle, die an einem Kurs teilnehmen, auch dazulernen. Allerdings sei der Erfolg unterschiedlich. Neben dem eigentlichen Lernerfolg sei es wichtig, dass die Betroffenen freier werden, ihre Ängste verlieren und an Selbstbewusstsein gewinnen. Für viele sei es ein Meilenstein.

Bundesverband Alphabetisierung: www.alphabetisierung.de

Uni Magdeburg: www-e.uni-magdeburg.de/wipsy/

Analphabeten in Deutschland

Zur Gruppe der «totalen Analphabeten» werden Menschen gezählt, die im ursprünglichen Wortsinn keine Buchstaben kennen. Sie können deshalb weder lesen noch schreiben. Daneben gibt es auch «funktionalen Analphabeten». Sie haben trotz allgemeiner Schulpflicht nur unzureichend Lesen und Schreiben gelernt. Ihre schriftsprachlichen Fähigkeiten sind so gering, dass sie nicht gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben in ihrem sozialen Umfeld teilnehmen können.

Die aufgrund von Analphabetismus entstehenden Probleme sind vielfältig und können zur gesellschaftlichen Isolation führen. Nach Schätzungen von Experten gibt es in Deutschland vier Millionen Erwachsene, die nicht oder nicht genug lesen und schreiben können. Als Kriterium des Analphabetismus gilt unter Experten, ob ein Betroffener eine Postkarte schreiben kann. Entscheidend ist dabei nicht die Rechtschreibung; vielmehr müssen alle Buchstaben vorhanden sein.


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